Konzert für Romantiker: „das leiseste Flüstern, das lauteste Schreien“

Ein Konzert für Romantiker soll es werden, das Konzertorganist Dmitri Grigoriev am Sonntag, 13. November um 18.00 Uhr in der Lüdenscheider Christuskirche spielt. Im Interview erklärt der Lüdenscheider Kantor, was an dem Konzert romantisch ist und warum es von einem der Konzertstücke zuerst keine Noten gab.

Herr Grigoriev, das Benefizkonzert am 13. November trägt den Titel „Konzert für Romantiker“.  Was verbirgt sich dahinter?

Das Programm dieses Konzerts besteht überwiegend aus Werken der deutschen Romantik: Mendelssohn, Liszt, Reubke. Diese Epoche im 19. Jahrhundert zeichnet sich durch hohe Emotionalität aus, durch Expressivität bis hin zum Ekstatischen; die dynamische Palette romantischer Musikliteratur reicht vom vierfachen Piano bis zum vierfachen Forte. Das leiseste Flüstern und das lauteste Schreien – das waren die üblichen Ausdrucksweisen des 19. Jahrhunderts, ganz anders als zur Zeit des Barock.

Warum haben Sie für dieses Konzert ausgerechnet romantische Werke gewählt?

Die romantische Tonsprache ist dem Zuhörer nach wie vor zugänglich, er fühlt sich persönlich angesprochen und mitgenommen.  Der andere Grund ist der, dass die Walcker-Orgel der Christuskirche ebenfalls aus der Zeit der Spätromantik stammt, erbaut 1902, und somit gerade diese Musik am besten aufführen lässt. Die in diesem Instrument zahlreich vorhandenen Flöten- und Streicherklänge machen die Orgel einem Orchester ähnlich: denken wir beispielsweise an eine Mahler-Symphonie mit der vorgeschriebenen 120-köpfigen Streicher-Besetzung.

Dieses Programm ist also nicht auf jeder Orgel aufführbar?

Vom Umfang her doch: die Tastenzahl reicht ja meistens aus. Aber nicht klanglich. Jede Orgel ist ein Kind ihrer Zeit, ein Zeitzeuge, ein Unikat. So lassen sich die Werke von Brahms oder Reger auf einer barocken Orgel nicht authentisch darstellen, genauso wie die Werke von Bach auf einer romantischen Orgel.  Mittlerweile werden aber auch Orgeln des sogenannten „Universal-Typs“ gebaut, die die Musik jeder Epoche stilgerecht darstellen sollen. Diese Aufgabe erfüllen sie aber nur sehr bedingt und nicht wirklich zufriedenstellend – sowohl für den Zuhörer, als auch für den Künstler. Eine eierlegende Wollmilchsau gibt es bekanntlich nicht.

William Merritt Chase: "Mrs. Meigs at the piano organ" (1883)

William Merritt Chase: „Mrs. Meigs at the piano organ“ (1883)

Wo genau kommt in diesem Programm das Schlagzeug zum Einsatz?

Erst ganz zum Schluss. Guido Pieper und ich werden das Konzert mit dem „Bolero“ von Pierre Cochereau (1924-1984) beenden. Cochereau war jahrzehntelang Titularorganist der Kathedrale Notre-Dame in Paris. Er gilt bis heute als der hervorragendste Orgelimprovisator der Musikgeschichte und gehört stilistisch zum Neuimpressionismus, einer der Stilrichtungen der Musik nach der Romantik. Der „Bolero“ ist ein von ihm live improvisiertes Stück, das später aufgezeichnet und veröffentlicht wurde. Dieses Werk soll einen kleinen stilistischen Widerspruch ins Programm hineinbringen. Ich bin Guido Pieper und der Musikschule Lüdenscheid sehr dankbar für die Unterstützung.

In der Erlöserkirche soll eine neue, symphonische Orgel gebaut werden. Wie wird sich Ihr neues Instrument von der Walcker-Orgel in der Christuskirche unterscheiden?

Eine symphonische Orgel entwickelte sich parallel zur romantischen und geht auf den weltbekannten französischen Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll (1811-1899) zurück. Er baute seine Orgeln so, dass jedes Register sowohl solistisch, als auch im Zusammenspiel mit anderen Registern gleichgut klingt. Stellen wir uns ein Orchester vor, in welchem jeder Musiker ein guter Ensemble-Spieler ist und gleichzeitig Ansprüche auf eine Solo-Karriere hat. Die Orgeln symphonischer Bauweise sind für die spätromantische, impressionistische, aber auch für die spätbarocke Musik gut geeignet. Das neue Instrument der Erlöserkirche wird die Stadt Lüdenscheid und auch die Orgellandschaft des Sauerlands zweifelsohne bereichern.

Wie ist der aktuelle Stand bei der Spendengewinnung?

Aktuell ist über ein Zweidrittel der für den Orgelbau erforderlichen Summe zusammengekommen. In der Erlöserkirche ist ein Spendenbarometer installiert. Somit kann jeder die Kirche besuchen, sich genauer informieren und natürlich spenden. Denn bei diesem Projekt wird jeder Euro dankbar geschätzt!

Die Stiftung „Altstadtorgel Lüdenscheid“ schafft die finanzielle Grundlage für eine neue, hochwertige Konzertorgel in der Erlöserkirche. 2014 musste das historische Vorgängerinstrument aus Sicherheitsgründen abgebaut werden. Die Einweihung ist für 2018 geplant. Für ein neues Instrument braucht die Stiftung rund 850.000 Euro. Dafür ist sie auf Unterstützung angewiesen (Konto IBAN DE22 4584 0026 0620 3855 00). Spendenquittungen auf Anfrage sind möglich.

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